Nach MÈLAC und WINTERKÖNIG veröffentliche ich gerade meinen dritten historischen Roman. Hatten die ersten beiden Erzählungen schon einen engen Bezug zu meiner Heimatstadt Oppenheim und meiner Heimatregion, die sei 1816 Rheinhessen heißt, hat der neue Roman für
sein Geschehen überwiegend die ehemalige Freie Reichsstadt am Rhein als Schauplatz.
In
EMONDS
Als die Revolution an den Rhein kam
werden zwanzig aufregende Jahre einer bis dahin beschaulichen Provinzstadt in der nordöstlichen Ecke der
Kurpfalz erzählt, die in der Phase des Wiederaufbaus und der allmählichen Erholung nach verheerenden
Kriegserlebnissen von den Auswirkungen der Französischen Revolution überrollt wird. Im Zentrum des Geschehens steht Ferdinand Emonds, der 1792 als Stadtschreiber seit zehn Jahren zusammen mit dem ehrenamtlichen Bürgermeister die Verwaltungsspitze bildet. Im ersten Koalitionskrieg, den das revolutionäre
Frankreich erfolgreich gegen österreichische und preußische Armeen führt, bleibt Oppenheim zwar von
Kampfhandlungen verschont, wird aber, obwohl zur neutralen Kurpfalz gehörig, von französischen Truppen
besetzt.
Emonds führt die Stadt durch eine schwierige Zeit, die geprägt ist von Not und Entbehrung, von Unterdrückung und Ausbeutung aber auch von der Konfrontation mit einer revolutionären Bewegung, die sich anschickt, fundamentale Änderungen politischer und gesellschaftlicher Strukturen in die Region links des
Rheins zu tragen und dort zu verbreiten. Er vertritt seine Stadt und ihre Bürger gegenüber der Besatzungsmacht mit Mut, Entschlossenheit und mit präzisem und konsequenten Bezug auf Recht und Gesetz. Er lässt
sich weder von Drohungen noch von Machtdemonstrationen einschüchtern. Konsequenzen und Risiken
scheut er nicht, wenn er seinen Prinzipien und Selbstverpflichtungen treu bleibt. In Verbindung mit politischem Weitblick, analytischem Denken und diplomatischem Geschick beeindruckt er sogar die Repräsentanten der überlegenen Besatzungsmacht und erwirbt sich Respekt und Anerkennung.
Auch bei der Konfrontation mit dem Geist und den Visionen der Französischen Revolution, die auch innerhalb des intellektuellen Bürgertums, ausgehend von Mainz, ihre Anhänger findet, bleibt Emonds seinen
Grundsätzen und seiner pragmatischen, auf einem wertkonservativen Fundament basierenden Überzeugung
treu. Das von ihren Anhängern als das erste demokratische Projekt auf deutschem Boden gefeierte Modell
der Mainzer Republik erkennt er als Traumgebilde eine kleinen elitären Gruppe, die sich an den Illusionen einer auf Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit gründenden, neuen Gesellschaftsordnung berauscht. Hier
scheut sich der Autor nicht, in der Frage der Deutung des historischen Phänomens Mainzer Republik klar
Stellung zu beziehen. Entgegen der Position namhafter Historiker betrachtet er die Mainzer Republik als Chimäre, als pseudodemokratisches Versuchsprojekt ohne Volksbeteiligung unter den Bajonetten der Besatzungsmacht. Deshalb nimmt Oppenheim, anders als einige andere Gemeinden im Mainzer Umland, auch
nicht an Versuchen parlamentarische Gremien zu begründen, teil. Emonds sieht sich bestätigt, als das Projekt mit dem zwischenzeitlichen Ende der französischen Besatzung sang und klanglos wieder von der Bühne
verschwindet und auch nach deren baldiger Rückkehr nicht wieder aufgenommen wird.
Als der Frieden von Lunéville 1801 das Ende des Deutsch-Römischen Reichs einleitet und Oppenheim mit
der linksrheinischen Kurpfalz französisches Staatsgebiet wird, ändert sich die Rechtslage, und Emonds erkennt das an. Er schaltet von Konfrontation auf Kooperation und wird ein wesentlicher Teil der Verwaltung im
neugegründeten Departement Donnersberg zu dem Oppenheim fortan gehört. Er verhandelt klug und hart
mit der französischen Verwaltungsspitze. Zentrale Themen sind dabei Ausgleich für die endgültig verlorenen
Landwirtschafts- und Forstflächen im auf der rechten Rheinseite gelegen Teil der Oppenheimer Gemarkung,
die Modernisierung der Infrastruktur und der Hochwasserschutz. Die Investitionen in die Aufforstung eines
großen Areals in der Rheinebene, den durchgehenden Ausbau der Durchgangsstraße in Oppenheim und
den Bau von Entwässerungsgräben werden von Frankreich finanziert.
Emonds Gegenüber bei den Konsultationen mit dem Departement wird dessen Präfekt Jeanbon de Saint
Andres, der die Verwaltungseinheit von Mainz aus leitet und von den Mainzern liebevoll „Schinke-Andres“
genannt wird. Aus der Zusammenarbeit entwickelt sich mit den Jahren eine Partnerschaft, die am Ende zur
Freundschaft wird, die bis zu beider Lebensende 1813 andauert. Diese Episode am Ende nimmt ein Stück
deutsch-französischer Geschichte vorweg, die aber erst Realität werden konnte, nachdem beide Länder sich
nach den napoleonischen Kriegen in drei weiteren in verheerender Weise zerfleischten.
EMONDS hat 248 Seiten und erscheint im Verlag BoD. Für 11,99 € im Buchhandel, auch online.


